Warum Charts funktionieren: die drei Annahmen, auf denen alles steht.
Ein Chart ist kein Kaffeesatz. Er ist die Spur aller Käufer und Verkäufer. John Murphy stellt an den Anfang seines Standardwerks drei Sätze. Wer sie verstanden hat, versteht auch, warum du im Trading Recht haben und trotzdem verlieren kannst.
Ich heiße Thomas, ich sitze im Coaching-Team von Oliver Klemm, und ich habe Charts jahrelang für Kaffeesatzleserei gehalten. Ein paar Linien auf einem Bild, und daraus will mir jemand sagen, wo der DAX morgen steht? Wenn der Kurs fiel, habe ich als Erstes Nachrichten gelesen. Zinsen, Zahlen, irgendein Politiker, irgendein Grund. Dann habe ich das Buch gelesen, das bei fast jedem Profi im Regal steht, und es fängt nicht mit Linien an. Es fängt mit drei Sätzen an. Drei Annahmen. Wenn die stimmen, funktioniert Chartanalyse. Wenn nicht, kannst du dir den Rest sparen.
Die Spur im Schnee
Stell dir eine Spur im Schnee vor. Du siehst die Abdrücke, du siehst die Richtung, du siehst, ob da jemand gerannt ist oder gebummelt hat. Warum er da entlanggegangen ist, weißt du nicht, und du musst es auch nicht wissen. Du kannst die Spur lesen.
Ein Chart ist genau das: die Spur von allen Käufern und Verkäufern zusammen. Murphy sagt, wer diese Spur lesen will, muss drei Dinge akzeptieren.
Annahme eins: der Kurs enthält alles
Murphy nennt es „Die Marktbewegung diskontiert alles“. Klingt sperrig, ist aber einfach. Alles, was den Preis beeinflussen kann, Wirtschaft, Politik, Stimmung, steckt in dem Moment, in dem du auf den Chart schaust, schon im Kurs. Eingepreist.
Du kennst das von Zinsentscheidungen. Im Dezember 2024 senkte die EZB die Zinsen, genau wie es seit Wochen alle erwartet hatten. Der DAX war in den drei Wochen davor um rund sechs Prozent gestiegen. Am Tag der Entscheidung bewegte er sich praktisch nicht. Gehandelt wurde die Erwartung, nicht die Nachricht.
Der Grund dafür: Der Kurs bildet nur eines ab, Angebot und Nachfrage. Wollen mehr Leute kaufen als verkaufen, steigt er. Wollen mehr verkaufen, fällt er. Alle Gründe der Welt laufen am Ende durch diese eine Waage. Das heißt nicht, dass es keine Gründe gibt. Es heißt nur, dass du sie nicht kennen musst, um die Spur zu lesen. Der Chart interessiert sich nicht für das Warum. Nur für das Was.
Annahme zwei: Kurse laufen in Trends
Der Anfängerfehler zuerst: Der Kurs läuft seit Tagen nach oben, und irgendwann denkst du, jetzt muss es aber drehen, das ist viel zu hoch. Und du verkaufst. Gegen den Trend.
Murphy formuliert das Gegenteil, und es ist einer der wichtigsten Sätze im ganzen Buch: „Ein Trend in Bewegung setzt sich mit größerer Wahrscheinlichkeit fort, als dass er sich umkehrt“ (Murphy, S. 24). Das ist das Trägheitsgesetz aus der Physik. Was sich bewegt, bewegt sich weiter, bis eine Kraft dagegenhält. Die ganze Chartanalyse hat im Grunde nur eine Aufgabe: Trends früh erkennen und dann mit dem Trend handeln, nicht gegen ihn. Murphy schreibt sogar, wer diese Annahme nicht akzeptiert, brauche das Buch nicht weiterzulesen.
Annahme drei: die Geschichte wiederholt sich
Der Fehler hier heißt: Diesmal ist alles anders. Neue Technik, neue Zeiten, andere Leute. Aber die Muster im Chart, die seit rund hundert Jahren beschrieben werden, funktionieren heute noch. Nicht, weil Charts magisch wären, sondern weil hinter jedem Chart Menschen stehen, mit Angst und mit Gier. Und die Menschen haben sich nicht verändert.
Ein Chartmuster ist ein Foto von der Psychologie der Masse. Bleibt die Psychologie gleich, bleibt auch das Foto ähnlich. Deshalb lohnt sich der Blick zurück.
Ursache und Wirkung: warum der Chart die Abkürzung ist
Und was ist mit den Fundamentaldaten, mit Zinsen, Gewinnen, Konjunktur? Murphy bringt es auf einen Satz: Der Fundamentalanalyst untersucht die Ursachen, der Techniker untersucht die Wirkung. Der eine fragt, warum der Markt steigt. Der andere fragt, ob er steigt.
Das Interessante dabei: Am Anfang einer großen Bewegung passen Nachrichten und Chart oft nicht zusammen. Der Kurs läuft schon, und die Erklärung steht Wochen später in der Zeitung. Der Markt verhält sich wie ein Frühindikator für die Fundamentaldaten. Deshalb nennt Murphy das Chartlesen eine abgekürzte Form der Fundamentalanalyse: Der Chart hat die Fundamentaldaten schon drin. Umgekehrt gilt das nicht. Wer nur die Zahlen liest, sieht die Spur nicht.
Recht haben und trotzdem verlieren
Jetzt kommt die Stelle, die für Futures-Trader entscheidend ist. Murphy trennt zwei Dinge, die Anfänger in einen Topf werfen: Analyse und Timing. Analyse heißt: In welche Richtung geht der Markt? Timing heißt: Wann genau steige ich ein, und wann steige ich aus? Für die Analyse kannst du Fundamentaldaten oder Charts nehmen. Für das Timing gibt es praktisch nur die Technik, weil sich die Fundamentaldaten nicht von Dienstag auf Mittwoch ändern. Der Kurs schon.
Und jetzt die Stelle, die wehtut. Wer einen Future handelt, hinterlegt nur einen Bruchteil des Kontraktwerts, Murphy rechnet mit unter zehn Prozent. Eine Bewegung von zehn Prozent in die falsche Richtung, und der Einsatz ist weg. Ein Aktienanleger kann aussitzen, er hält und wartet. Mit Hebel geht das nicht. Du kannst also die Richtung richtig haben, der Markt steigt am Ende wirklich, und du hast trotzdem verloren, weil du einen Tag zu früh drin warst. Recht haben und trotzdem verlieren. Das ist kein Pech. Das ist ein Timing-Fehler. Und Timing ist Handwerk.
Was das für dich heißt
- Wenn der Kurs sich bewegt, schau zuerst auf den Chart. Die Nachricht kannst du danach lesen, wenn du willst.
- Verkauf nie gegen einen laufenden Trend, nur weil es dir zu hoch vorkommt. Zu hoch ist kein Signal.
- Stell dir vor jedem Trade zwei Fragen, nicht eine: Habe ich die Richtung? Und habe ich den Moment? Die zweite entscheidet über dein Geld.
Nächste Folge: Ist Chartanalyse Humbug? Random Walk, selbsterfüllende Prophezeiung, und warum Murphy den größten Vorwurf gegen die Chartanalyse als Kompliment versteht. Die ganze Reihe: Das Standardwerk in 32 Lektionen.
Quelle: John J. Murphy, „Technische Analyse der Finanzmärkte“, FinanzBuch Verlag, Kapitel 1, S. 21 bis 29. Keine Anlageberatung, sondern zum Verstehen.
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Oliver Klemm ist seit 1982 an den Kapitalmärkten und bildet seit 2014 Trader aus, in Kursen, Bootcamps und Live-Webinaren.