Wenn eine Anleihe ihren guten Ruf verliert, sprechen Profis an den Kreditmärkten von einem sogenannten Fallen Angel. Der Begriff klingt poetisch, beschreibt aber einen sehr konkreten und oft schmerzhaften Vorgang: Eine Unternehmensanleihe, die zuvor als solide und sicher galt, wird von einer Ratingagentur auf den Status eines sogenannten Hochzinswertes herabgestuft. Für dich als Investor kann das sowohl eine Warnung als auch eine Chance sein.
Das steckt dahinter
An den Anleihemärkten wird die Qualität einer Anleihe durch ein Rating bewertet. Ratingagenturen wie Moody's, S&P oder Fitch unterscheiden dabei grob zwischen zwei Kategorien: Investment Grade (solide, geringes Ausfallrisiko) und High Yield, also Hochzinsanleihen, die auch als Junk Bonds bezeichnet werden.
Ein Fallen Angel ist eine Anleihe, die genau diese Grenze in die falsche Richtung überschreitet, von Investment Grade hinunter in den High-Yield-Bereich. Das passiert, wenn sich die finanzielle Lage eines Unternehmens spürbar verschlechtert: steigende Schulden, sinkende Umsätze, Managementprobleme oder eine schwierige Branchenlage.
Warum ist diese Herabstufung so folgenreich? Weil viele institutionelle Investoren, Pensionskassen, Versicherungen, bestimmte Fonds, in ihren Anlagerichtlinien ausschließlich Investment-Grade-Papiere halten dürfen. Wird eine Anleihe zum Fallen Angel, müssen diese Institutionen die betroffenen Papiere zwangsweise aus ihrem Portfolio verkaufen. Das geschieht oft gleichzeitig und in großem Umfang, was den Kurs der Anleihe kurzfristig stark unter Druck setzt.
Genau dieser Zwangsverkauf ist der Mechanismus, den erfahrene Investoren kennen und beobachten. Denn nach dem ersten Kursrutsch ist die Anleihe manchmal deutlich unter ihrem fairen Wert gehandelt worden.
Ein konkretes Beispiel
Ein gutes Beispiel aus der jüngeren Marktgeschichte ist der Ölsektor während des Preiseinbruchs in den Jahren 2015 und 2016. Zahlreiche Energieunternehmen verloren damals ihren Investment-Grade-Status, weil die niedrigen Rohölpreise ihre Einnahmen massiv einbrechen ließen.
Ein ähnliches, noch prägnanteres Ereignis spielte sich im Frühjahr 2020 ab: Während der Corona-Krise stufte S&P den Autobauer Ford auf High Yield herab. Mit einem Anleiheportfolio von rund 36 Milliarden Dollar wurde Ford damit zum damals größten Fallen Angel der Geschichte. Der Kurs der Ford-Anleihen rauschte innerhalb weniger Tage in den Keller, allein durch die Verkaufswelle institutioneller Anleger, die ihre Richtlinien einhalten mussten.
In meinen Webinaren frage ich Teilnehmer oft: „Was glaubst du, was passiert, wenn ein Riesenkonzern plötzlich aus dem Investment-Grade-Universum fällt?“ Die häufigste Antwort ist: Niemand will die Anleihe mehr. Das stimmt, kurzfristig. Langfristig denken jedoch spezialisierte Hochzinsfonds und opportunistische Investoren ganz anders darüber.
Warum ist das für dich relevant?
Wenn du dich mit Anleihen, Kreditmärkten oder auch Aktien beschäftigst, begegnet dir das Thema Fallen Angel früher oder später. Denn eine Herabstufung bleibt selten ohne Auswirkung auf den Aktienkurs des betroffenen Unternehmens, Stimmung, Kreditkosten und das Vertrauen der Anleger ändern sich gleichzeitig.
Als Investor lohnt es sich zu verstehen, wie Ratingänderungen entstehen und welche Marktteilnehmer daraufhin handeln müssen. Denn in den Zwangsverkäufen nach einer Herabstufung stecken manchmal interessante Einstiegspunkte für diejenigen, die einen kühlen Kopf bewahren. Wer die Mechanik kennt, kann Überreaktionen am Markt besser einschätzen und fundierter entscheiden, statt blind auf kurzfristige Kursbewegungen zu reagieren.
Kurz gesagt: Wer Fallen Angels versteht, versteht einen wichtigen Teil davon, wie Kapital an den Kreditmärkten wirklich fließt.
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