Wenn du dich mit Anleihen beschäftigst, stolperst du früher oder später über den Begriff Investment Grade. Er beschreibt eine Bonitätseinstufung, die dir auf einen Blick zeigt, wie kreditwürdig ein Schuldner ist, und damit, wie sicher eine Anleihe eingeschätzt wird. Für alle, die ihr Depot um festverzinsliche Wertpapiere erweitern wollen, ist dieses Konzept ein echter Orientierungspunkt.
Das steckt dahinter
Anleihen werden von Ratingagenturen wie Moody's, S&P oder Fitch bewertet. Diese Agenturen vergeben Noten, ähnlich wie in der Schule, nur mit Buchstaben statt Zahlen. Die Skala reicht von AAA (höchste Qualität) bis hin zu D (Zahlungsausfall). Als Investment Grade gelten alle Anleihen, die mindestens ein Rating von BBB- (bei S&P und Fitch) oder Baa3 (bei Moody's) erreichen.
Was bedeutet das in einfachen Worten? Der Schuldner, also das Unternehmen oder der Staat, der die Anleihe ausgibt, gilt als finanziell stabil. Das Risiko, dass er seine Schulden nicht zurückzahlen kann, wird als vergleichsweise gering eingestuft.
Auf der anderen Seite der Skala stehen sogenannte High-Yield-Anleihen, auch Hochzinsanleihen oder umgangssprachlich „Junk Bonds“ genannt. Sie bieten höhere Renditen, tragen aber auch deutlich mehr Ausfallrisiko. Investment-Grade-Papiere sind also keine Garantie für Sicherheit, aber sie stehen klar auf der risikoärmeren Seite der Anleihe-Welt.
Wichtig zu wissen: Das Rating ist kein statischer Wert. Es kann sich verändern, wenn sich die Finanzsituation eines Unternehmens oder Landes verschlechtert. Ein solcher Abstieg aus dem Investment-Grade-Bereich in den Hochzinsbereich nennt man in der Branche einen „Fallen Angel“, ein gefallener Engel.
Ein konkretes Beispiel
Stell dir einen großen europäischen Pensionsfonds vor. Er verwaltet das Geld von Millionen Rentnern und ist gesetzlich verpflichtet, nur in Anleihen mit Investment-Grade-Rating zu investieren. Als ein ehemals solides Industrieunternehmen im Jahr 2020 während der Corona-Krise auf BB+ herabgestuft wurde, also knapp unterhalb der Grenze, musste der Fonds diese Anleihe zwangsweise verkaufen. Das Unternehmen verlor damit Zugang zu einem riesigen Investorenpool, der Kurs der Anleihe fiel deutlich.
Genau dieses Szenario habe ich in einem meiner Webinare besprochen: Viele Teilnehmer waren überrascht, wie stark ein Ratingwechsel die Nachfrage nach einer Anleihe beeinflussen kann, und damit direkt den Preis.
Warum ist das für dich relevant?
Du handelst keine Anleihen direkt. Aber Investment Grade begegnet dir an mehr Stellen, als du denkst. Anleihe-ETFs zum Beispiel unterscheiden oft klar zwischen Investment-Grade- und Hochzins-Portfolios. Wenn du in einen Mischfonds investierst, steht im Verkaufsprospekt häufig, welchen Mindestanteil an bonitätsstarken Papieren der Fonds halten muss.
Außerdem beeinflusst das Zinsniveau bei Investment-Grade-Anleihen die gesamten Finanzierungskosten der Wirtschaft. Wenn die Risikoaufschläge, die sogenannten Spreads, für diese Papiere steigen, ist das oft ein frühes Warnsignal für Stress im Finanzsystem. Wer das versteht, liest Marktbewegungen klarer und trifft informiertere Entscheidungen.
Kurz gesagt: Investment Grade ist kein isolierter Begriff für Anleihe-Spezialisten. Es ist ein Konzept, das dir hilft, Risiko und Qualität im gesamten Markt besser einzuordnen.
Verwandte Begriffe aus Anleihen & Kredit
Begriffe kennen ist der Anfang. Märkte lesen ist das Ziel.
Im kostenlosen Live-Workshop zeigt dir Oliver, wie diese Begriffe am echten Chart zusammenspielen und wie du daraus Entscheidungen ableitest, die du nachprüfen kannst.
Kostenlos zum Live-Workshop- ● 0 €
- ● live mit Oliver Klemm
- ● verständlich für Einsteiger
- ● keine Kreditkarte