Manche Begriffe aus der Wirtschaft klingen harmlos, und sind es ganz und gar nicht. Stagflation ist so ein Fall. Es handelt sich um eine der unangenehmsten wirtschaftlichen Lagen überhaupt, und wer sie versteht, trifft an der Börse deutlich bessere Entscheidungen. In meinen Webinaren erlebe ich regelmäßig, wie viele Einsteiger diesen Begriff zwar schon gehört haben, aber noch nicht wissen, warum er so gefährlich ist.
Das steckt dahinter
Der Begriff setzt sich aus zwei Wörtern zusammen: Stagnation und Inflation. Stagnation bedeutet, dass eine Volkswirtschaft kaum noch wächst, oder sogar schrumpft. Inflation bedeutet, dass die Preise steigen und das Geld weniger wert wird. Normalerweise schließen sich diese beiden Phänomene gegenseitig aus, denn eine schwache Wirtschaft dämpft in der Regel auch die Preise. Stagflation ist deshalb so problematisch, weil sie die Zentralbanken in eine echte Zwickmühle treibt.
Die übliche Antwort auf eine schwache Konjunktur lautet: Zinsen senken, Wirtschaft ankurbeln. Die übliche Antwort auf steigende Inflation lautet: Zinsen erhöhen, Preisauftrieb bremsen. Aber was machst du, wenn beides gleichzeitig passiert? Senkst du die Zinsen, heizt du die Inflation weiter an. Erhöhst du sie, würgst du die ohnehin schwache Wirtschaft vollends ab. Die Geldpolitik sitzt in der Falle, und das spüren Unternehmen, Verbraucher und Anleger gleichermaßen. Reale Kaufkraft sinkt, Unternehmensgewinne geraten unter Druck, und die Unsicherheit an den Märkten steigt spürbar.
Ein konkretes Beispiel
Das bekannteste Beispiel für Stagflation erlebten die USA in den 1970er Jahren. Nach dem Ölembargo der OPEC 1973 explodierten die Energiepreise. Die Inflation in den Vereinigten Staaten kletterte auf über zehn Prozent, während die Wirtschaft gleichzeitig in die Rezession rutschte und die Arbeitslosigkeit stieg. Der damalige Fed-Chef Paul Volcker entschied sich schließlich für drastische Zinserhöhungen, auf zeitweise über zwanzig Prozent. Das bremste die Inflation, riss aber gleichzeitig viele Unternehmen in ernste Schwierigkeiten.
An den Aktienmärkten war diese Phase verheerend. Der Dow Jones verlor zwischen 1973 und 1974 fast fünfundvierzig Prozent seines Wertes. Rohstoffe wie Gold hingegen legten massiv zu, ein Muster, das Anleger in ähnlichen Phasen bis heute im Blick behalten. Wenn ich in meinen Webinaren von den 70ern spreche, sehe ich oft das Staunen in den Gesichtern der Teilnehmer. Geschichte wiederholt sich nicht eins zu eins, aber sie reimt sich.
Warum ist das für dich relevant?
Als Trader oder Investor begegnet dir dieses Thema vor allem dann, wenn du makroökonomische Daten einordnen willst. Wenn Einkaufsmanagerindizes nach unten zeigen und die Inflationsrate gleichzeitig hartnäckig hoch bleibt, sollten bei dir die Alarmglocken klingeln. Das ist das typische Muster, das auf stagflationäre Tendenzen hindeutet.
Für deine Handelsentscheidungen bedeutet das konkret: Klassische Anleihen verlieren in einem solchen Umfeld oft doppelt, durch Inflation und durch das Zinsdilemma der Notenbanken. Rohstoffe, inflationsgeschützte Wertpapiere oder Unternehmen mit echter Preissetzungsmacht können dagegen relative Stärke zeigen. Verstehst du den Mechanismus hinter dem Begriff, kannst du dein Portfolio gezielt anpassen, statt blind auf Kursschwankungen zu reagieren. Verständlich erklärt ist eben kein Selbstzweck, es ist die Grundlage für kluge Entscheidungen.
Verwandte Begriffe aus Konjunktur & Daten
Begriffe kennen ist der Anfang. Märkte lesen ist das Ziel.
Im kostenlosen Live-Workshop zeigt dir Oliver, wie diese Begriffe am echten Chart zusammenspielen und wie du daraus Entscheidungen ableitest, die du nachprüfen kannst.
Kostenlos zum Live-Workshop- ● 0 €
- ● live mit Oliver Klemm
- ● verständlich für Einsteiger
- ● keine Kreditkarte