Wer an der Börse unterwegs ist, stolpert früher oder später über den Begriff Carry, und fragt sich, was dahintersteckt. Dabei ist die Idee bestechend einfach: Du hältst eine Position und verdienst allein dadurch Geld, ohne dass sich der Kurs auch nur einen Millimeter bewegen muss. Warum das für Trader und Investoren so spannend ist, erkläre ich dir jetzt in klarer Sprache.
Das steckt dahinter
Der Carry beschreibt den laufenden Ertrag, den dir eine offene Position über die Zeit hinweg einbringt. Stell es dir vor wie die Miete, die du als Vermieter jeden Monat kassierst, unabhängig davon, ob deine Immobilie gerade im Wert steigt oder fällt.
Im Anleihenmarkt ist das besonders gut zu verstehen: Wenn du eine Anleihe kaufst, erhältst du regelmäßige Zinszahlungen, den sogenannten Kupon. Dieser Zinsertrag ist dein Carry. Solange du die Anleihe hältst, fließt Geld, unabhängig von der Kursentwicklung.
Im Devisenhandel funktioniert das Prinzip genauso. Dort spricht man vom sogenannten Carry-Trade: Du leihst dir Geld in einer Währung mit niedrigem Zinsniveau, tauschst es in eine Währung mit höherem Zinsniveau um und steckst die Zinsdifferenz ein. Der Gewinn entsteht nicht durch Kursbewegungen, sondern schlicht durch das Halten der Position.
Wichtig zu verstehen: Carry ist nicht risikofrei. Schwankt der Wechselkurs stark oder drehen die Zinsen, kann der laufende Ertrag schnell aufgefressen werden. Der Carry ist also ein attraktiver Baustein, aber kein Selbstläufer.
Ein konkretes Beispiel
Das klassischste Beispiel aus der Praxis ist der Japanische-Yen-Carry-Trade, der besonders in den 2000er Jahren populär war. Japan hatte über viele Jahre hinweg einen Leitzins nahe null Prozent. Trader liehen sich deshalb massenhaft Yen zu minimalen Kosten und investierten das Geld anschließend in australische Dollar, die damals mit Zinsen von fünf bis sechs Prozent verzinst wurden.
Das Ergebnis: Solange der Wechselkurs stabil blieb, verdienten diese Trader Jahr für Jahr an der Zinsdifferenz, ohne auf steigende oder fallende Kurse zu wetten. Reiner Carry, verständlich erklärt.
Als jedoch 2008 die Finanzkrise ausbrach und Unsicherheit die Märkte erfasste, wurde der Yen plötzlich als sicherer Hafen stark nachgefragt. Der Kurs schoss hoch, die Verluste aus der Währungsbewegung überstiegen die gesammelten Zinserträge, und viele Carry-Trades wurden mit Verlusten aufgelöst. Ein gutes Beispiel dafür, dass laufende Erträge immer im Zusammenhang mit dem Gesamtrisiko der Position betrachtet werden müssen.
Warum ist das für dich relevant?
Das Konzept des Carry begegnet dir häufiger, als du denkst, ob du in Anleihen investierst, Devisenpaare handelst oder dich mit strukturierten Produkten beschäftigst.
Wenn du in meinen Webinaren Teilnehmern erkläre, warum manche Positionen auch in seitwärts laufenden Märkten Erträge abwerfen, ist Carry fast immer das zentrale Thema. Es verändert deinen Blick auf Positionen: Du fragst dich nicht mehr nur „Wohin bewegt sich der Kurs?“, sondern auch „Was bringt mir diese Position allein durch das Halten?“
Das ist eine wichtige Erweiterung deines Denkens als Marktteilnehmer. Wer Carry versteht, erkennt schneller, wann eine Position strukturell Sinn ergibt, und wann laufende Kosten, etwa durch negative Rollrenditen oder Finanzierungsgebühren, still und leise am Gewinn knabbern.
Verwandte Begriffe aus Anleihen & Kredit
Begriffe kennen ist der Anfang. Märkte lesen ist das Ziel.
Im kostenlosen Live-Workshop zeigt dir Oliver, wie diese Begriffe am echten Chart zusammenspielen und wie du daraus Entscheidungen ableitest, die du nachprüfen kannst.
Kostenlos zum Live-Workshop- ● 0 €
- ● live mit Oliver Klemm
- ● verständlich für Einsteiger
- ● keine Kreditkarte