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Chartanalyse · Folge 2 von 32

Ist Chartanalyse Humbug? Drei Vorwürfe und warum der härteste ein Kompliment ist.

Charts funktionieren nur, weil alle dran glauben. Sie zeigen nur die Vergangenheit. Und Kurse sind sowieso Zufall. John Murphy nimmt in seinem Standardwerk alle drei Vorwürfe ernst und antwortet mit einem Wetterbericht, einem EKG und einem Satz, der die Kritik umdreht.

Die Folge als Video: Murphy in 10 Minuten, Folge 2. Alle Folgen findest du auf der Seite Das Standardwerk in 32 Lektionen. · Direkt auf YouTube ansehen

John Murphy hat jahrelang als Analyst bei Merrill Lynch Charts gelesen. Dann schreibt er das Buch, das bis heute als Standardwerk der Technischen Analyse gilt. Und mitten im ersten Kapitel tut er etwas, das kaum ein Autor tut: Er sammelt die Vorwürfe gegen sein eigenes Fach. Nicht die schwachen, sondern die stärksten. Einen davon holt er sich aus einem Lehrbuch, das der Chartanalyse in zwei Sätzen zwei Schwächen vorhält. Wir machen es wie vor Gericht: erst die Anklage, dann die Verteidigung. Das Urteil fällst du.

Vorwurf eins: Charts erfüllen sich selbst

Eine selbsterfüllende Prophezeiung ist eine Vorhersage, die nur eintrifft, weil alle an sie glauben und danach handeln. Das Lehrbuch sagt zweierlei. Erstens: Chartmuster sind so bekannt, dass alle gleichzeitig darauf handeln, deshalb klappen sie. Zweitens: Chartmuster sind völlig subjektiv, jeder sieht etwas anderes.

Beides zusammen geht nicht. Charts können nicht so eindeutig sein, dass alle dasselbe tun, und gleichzeitig so subjektiv, dass jeder etwas anderes sieht. Der zweite Teil hebt den ersten auf.

Und selbst wenn sich alle einig wären, handeln sie nicht gleich. Der eine steigt früh ein, bevor das Muster fertig ist. Der Nächste wartet auf den Ausbruch. Der Dritte wartet, bis der Kurs danach noch einmal zurückkommt. Würde das gemeinsame Handeln doch zum Problem, korrigiert es sich selbst: Dann handeln die Ersten eben früher als die Masse. Und auf Dauer entscheiden ohnehin Angebot und Nachfrage. Könnten Chartleser die Kurse selbst machen, wären sie alle längst reich.

Dann dreht Murphy den Spieß um: „Angemessener ist es, dies als Kompliment zu bezeichnen.“ (Murphy, S. 36) Eine Methode muss ziemlich gut sein, wenn sie so beliebt wird, dass alle glauben, sie bewege die Kurse.

Vorwurf zwei: Charts zeigen nur die Vergangenheit

Klingt logisch. Aber schau dir an, wie jede andere Vorhersage arbeitet. Der Wetterbericht rechnet mit den Messwerten von gestern und letzter Woche. Wer eine Firma bewertet, liest ihre Bilanz, also die Zahlen vom letzten Jahr. Vergangenheit ist der einzige Stoff, aus dem sich überhaupt eine Vorhersage bauen lässt.

Der Chart beschreibt, was passiert ist. Die Analyse ist der Schluss, den du daraus ziehst. Die Zukunft kannst du nur abschätzen, indem du das Vergangene nach vorn verlängerst. Wer das den Charts vorwirft, muss es dem Wetterbericht genauso vorwerfen. Der Vorwurf trifft alle oder keinen.

Vorwurf drei: Kurse sind Zufall

Der grundsätzlichste Einwand kommt von den Universitäten und heißt Random Walk, Zufallsspaziergang. Jede Kursbewegung sei unabhängig von der davor, wie beim Münzwurf. Dann könnte keine Methode den Markt schlagen, und das Beste wäre, zu kaufen und liegen zu lassen.

Murphy gibt zu, dass in jedem Markt ein bisschen Zufall steckt, Rauschen ohne Bedeutung. Aber alles Zufall? Zufall lässt sich nur so beschreiben: Ich habe kein Muster gefunden. Und wer kein Muster findet, hat damit nicht bewiesen, dass keins da ist.

Dann stellt er drei Fragen. Warum verdienen so viele Handelssysteme Geld, die stur dem Trend folgen? Wie soll Kaufen und Liegenlassen bei Futures gehen, die ein Verfallsdatum haben? Und wie kann es einen Bärenmarkt geben, wenn es keine Trends gibt? Ein Bärenmarkt ist selbst ein Trend. Der Gold-Future zum Beispiel schloss im Februar 2026 bei über 5.200 Dollar, im Juli lag der Wochenschluss knapp über 4.000. Mehr als ein Fünftel in rund fünf Monaten, mit Unterbrechungen, aber in eine Richtung.

Und dann kommt Murphys Bild: das EKG. Für dich und mich sieht die Herzkurve aus wie Gekritzel. Der Arzt liest darin ein Muster, jeder kleine Zacken hat für ihn eine Bedeutung. Zufällig sieht alles aus, dessen Regeln du nicht kennst. Die Illusion der Zufälligkeit verschwindet, wenn du lesen lernst. Selbst die Universitäten erforschen inzwischen unter dem Namen Behavioral Finance, wie die Psychologie der Menschen die Kurse bewegt. Genau darauf baut die Chartanalyse.

Aktie oder Future: gleiche Werkzeuge, anderer Markt

Ist Chartanalyse bei Aktien dieselbe wie bei Futures? Murphy sagt: ja und nein. Vier Unterschiede zählen.

Erstens das Ablaufdatum. Ein Future ist ein Vertrag über ein Geschäft an einem festen Termin, er verfällt. Aussitzen über Jahre geht nicht. Zweitens die Margin. Du hinterlegst nur ein Pfand, meist unter zehn Prozent des Kontraktwerts. Das ist der Hebel: Zehn Prozent Bewegung, und dein Geld ist verdoppelt oder weg. Drittens der Zeithorizont. Ein Aktienanalyst fragt nach drei oder sechs Monaten, ein Futures-Trader nach morgen oder heute Nachmittag. Das siehst du an den gleitenden Durchschnitten: Bei Aktien schaut alle Welt auf 50 und 200 Tage, bei Futures liegen die meisten unter 40, eine gängige Kombination ist 4, 9 und 18 Tage. Viertens das Timing. Dazu steht bei Murphy ein Satz, den du dir merken solltest: „Timing ist alles im Terminhandel.“ (Murphy, S. 32)

Murphy nennt die Chartanalyse bei Futures deshalb die reinere Form. Weniger Stimmung, mehr Preis.

Was das für dich heißt

  1. Sagt dir jemand, Charts seien eine selbsterfüllende Prophezeiung, frag ganz ruhig zurück: Sind Charts dann eindeutig oder subjektiv? Beides gleichzeitig geht nicht.
  2. Du musst dich nicht rechtfertigen, weil du mit der Vergangenheit arbeitest. Das macht der Wetterbericht auch, das macht jede Vorhersage.
  3. Wenn du Futures handelst, übernimm keine Faustregel aus der Aktienwelt ungeprüft. Dein Zeitraum ist kürzer, dein Hebel größer. Prüf jede Regel erst an deinem Markt.

Und siehst du im Chart bisher nur Rauschen: Das ist kein Urteil über dich, das ist ein Stand. Vor meinen ersten Charts habe ich auch gedacht, das sei alles Zufall.

Vorige Folge: Warum Charts funktionieren: die drei Grundannahmen. Nächste Folge: Die Dow-Theorie, sechs Grundsätze von 1900, die heute noch gelten. Die ganze Reihe: Das Standardwerk in 32 Lektionen.

Quelle: John J. Murphy, „Technische Analyse der Finanzmärkte“, FinanzBuch Verlag, Kapitel 1, S. 29 bis 40. Keine Anlageberatung, sondern zum Verstehen.

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Oliver Klemm ist seit 1982 an den Kapitalmärkten und bildet seit 2014 Trader aus, in Kursen, Bootcamps und Live-Webinaren.